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Wie jeden Mittwoch…

09 Okt

[Es ist Sonntag und heute gibt es einen Blogartikel anderer Art. Wieviel Wahrheit im Artikel enthalten ist und wieviel Wahrheit noch fehlt, sei dahin gestellt und wird von mir genauso wenig verraten, wie die richtigen Namen der beteiligten Personen!]

Es ist ein wunderschöner, sonniger Mittwochmorgen. Die zwölfjährige Sandra* und ihre jüngere Schwester Marie* machen sich fertig für die Schule. Sie waschen sich, ziehen sich schnell an, essen kurz etwas zum Frühstück und wollen sich einfach beeilen, dass sie ihren Schulbus rechtzeitig schaffen. Doch fünf Minuten vor Abfahrt rechnet niemand mit ihm: Nino*, dem Stiefvater der beiden Mädchen und neuer Ehemann ihrer Mutter.

Er kam morgens öfters bevor der Bus kam noch mal zu ihnen und sagte es wäre Zeit für die Schulranzenkontrolle. Das geschah so, dass er sich die Ranzen der Mädchen nahm und den Inhalt, nachdem er ihn auf den Boden geschüttet hatte, auf irgendwelche verdächtigen Sachen untersuchte. In der Schule hatten beide viele Freunde, sie konnten dort unbeschwert Kind sein. Sie lernten wie die Kinder ihres Alters mal mehr und mal weniger, spielten ausgelassen und man hatte den Anschein, sie wären glückliche Kinder. Aber diesen Anschein hatten sie nur nach außen, auf Unbeteiligte.

Auf dem Nachhauseweg von der Schule beschleicht Sandra* dann das ungute Gefühl, das sie jeden Mittwoch auf dem Heimweg hat. Mittwochs, weil an allen anderen Tagen etwas Gutes im Fernsehen läuft. Nicht für sie, sondern für ihn. Und wenn er fernsieht, braucht er keine Ablenkung. Dann überlegt sie noch einmal, ob in ihrem Zimmer irgendetwas ist, was ihn aufregen könnte. Obwohl ihr nichts einfällt hat sie immer noch dieses unliebsame Gefühl. Als sie daheim ankommt, zieht sie sich um, macht ihre noch nicht erledigten Hausaufgaben und wartet. Sie wartet auf ihn. Wie er in ihr Zimmer kommt, und es, wie ihren Ranzen morgens, durchsucht. Gefällt ihm die Ordnung im Kleiderschrank nicht, so wird dieser auf ihrem Bett entleert. Findet er allerdings etwas, was ihm vorher nicht aufgefallen war, so landete des Öfteren eine Hand auf Sandras* Körper. Damals wollte sie sich das Leben nehmen, wegen ihm. Wegen ihm mussten sie auch aus ihrer alten Stadt wegziehen, alle Freunde verabschieden, und das schlimmste, sie mussten sich neue Freunde in einem Dorf suchen.
Den Klatsch dort waren sie nicht gewöhnt, aber sie gewöhnten sich schnell eine Art an, das man über sie nur positiv reden konnte. Sandra* baute sich eine Mauer, durch die niemand durchschauen kann, und Marie* wurde eine Mitläuferin, sie tat alles was ihr zu mehr Ansehen in der Dorfjugend verhelfen könnte.

Doch daheim konnte keine der beiden sein, wie sie will. Daheim war ja er! „Das einzig Gute war, dass er in Schichten arbeitete und so manchmal nicht da war, wenn wir von der Schule kamen oder er schlief. Ja, eigentlich schlief er fast immer, oder er aß, oder er brüllte rum und…“, da bricht Sandra* mit einem riesigen Kloß im Hals und leichten Tränen ab. Das schüchterne Mädchen ist heute eine selbstbewusste junge Frau von 18 Jahren. Fast ohne Probleme kann sie von ihren Erlebnisse erzählen.

Heute weiß sie, dass es verboten ist, Kinder zu misshandeln. Sie weiß aber auch, dass 60% bis 80% aller Kinder vom Säuglingsalter an mit körperlichen und geistigen Strafen aufwachsen. Martin P. Textor, Verfasser der Homepage http://www.kindergartenpaedagogik.de sagt über dieses in unserer Zeit totgeschwiegene Thema: „Gewalttätige Eltern wurden oft selbst als Kinder misshandelt, sie lernten, körperliche Züchtigung als akzeptable Erziehungsmaßnahme zu betrachten.“ Doch wenn man die Gewalt in der Familie nicht irgendwann stoppt, und sie lediglich versucht totzuschweigen, wird dieser ewige Kreislauf nie enden. Es wird dann immer wieder Kinder geben, die unter der Häuslichen Gewalt leiden und vielleicht noch im Alter unter den Folgen leiden. Häufig auftretende Folgen sind zum Beispiel Demotiviertheit, Rückzugstendenzen, Misstrauen gegenüber Mitmenschen, negative Selbstwertgefühle, Einnässen, Schlafstörungen, Aggressivität, dissoziale Verhaltensweisen, Lern- bzw. Leistungsdefizite und noch viele mehr.

Auch Sandra* und Marie* können einige dieser Verhaltensweisen noch heute an sich feststellen. Aber sie müssen ihn nicht mehr sehen. Nachdem er sich auch an der Mutter der beiden tätlich begangen hat, ließ sie sich von ihm scheiden, nahm die Kinder mit und zeigte ihn wegen Körperverletzung an. Hierbei half ihnen vor allem die Organisation „Weiße Ring e.V.“.
Heute können alle Beteiligten sagen, das dieser Schritt zwar spät kam, aber rechtzeitig genug um die beiden jüngsten Dana* und Steve*, die leiblichen Kinder von ihm, zu schützen.

Abschließend noch ein treffendes Zitat von Dr. Steffen Fliegel zum Thema : „Züchtigungen sind keine pädagogische Maßnahme, mögen sie auch kurzfristig „Erfolge“ einstellen, Schläge demütigen, sie beschädigen die Würde des Erziehers und des Kindes. Schläge als Mittel des Grenzensetztens sind Eingeständnisse von Niederlagen. Sie kennzeichnen und produzieren „verwundete“ Menschen.“

Wenn sie zu den Erziehern oder zu den Opfern zählen, so suchen sie Hilfe. Fast überall gibt es Menschen, die ihnen zuhören oder sie bei der Problembewältigung unterstützen. Bitte lassen sie sich helfen und geben sie damit ihren Nachkommen, die Möglichkeit keine Hilfe mehr beim Thema Gewalt benötigen zu müssen.

* Name aus Datenschutzgründen geändert

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Verfasst von - Oktober 9, 2011 in mellesworld

 

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